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Wir. Dienen. Deutschland. (Part VI) Heute: Der Ballermann (1995)

Das zu meiner Wehrdienstzeit in der Neustrukturierung befindliche Stabs- und Fernmelderegiment 2 hatte mit gleich mehreren Widrigkeiten zu kämpfen. Zu dem bis zum Schluss meiner 12 Monate nicht behobenen Mangel an Technik und Fahrzeugen kam noch fehlende Mannstärke an Unteroffizieren und eine Überbelegung der Unterkünfte mit Rekruten. Und so teilte ich mir meine Winz-Bude für volle drrei Monate mit gleich neun Leidensgenossen.

Einer schien ein ganz besonderes Faible für Handfeuerwaffentechnik aller Art zu haben. Monatlich lag die neueste Ausgabe der VISIER auf dem Tisch und schnell stellte sich heraus, dass er auch (verbotenerweise) eine verdammt echt aussehende Schreckschusspistole in die Kaserne geschleppt hatte. Eben diese sorgte dann auch Anfang 1995 für einen ungeplanten Großalarm mitten im Wald.

Über den mir einige kalt-ungemütliche Stunden bereitenden Truppenübungsplatz Oberhinkofen habe ich bereits geschrieben. Nun war es eine in der Kaserne schnell mitzubekommende Tatsache, wenn die neuen Rekruten mit all ihrem Krempel gen mehrtägigem Biwak ausrückten. Was den Waffennarren auf einen im wahrsten Sinne des Wortes hinterhätigen Einfall kommen ließ, was mir am Morgen danach geradezu genüsslich geschildert wurde. In Uniform tuckerten er und einige Mitverschwörer in der abendlichen Dunkelheit per Privat-PKW an das das im Regensburger Umland befindliche Übungsplatzgelände heran, pinselten sich etwas Tarnanstrich ins Gesicht und schlichen durch den Wald an den Biwakplatz heran. Bis auf die Feuerwache waren alle in ihren Zelten, was sich blitzartig änderte, als „Mr. VISIER“ seine Knarre zückte und ein paar Platzpatronen in Richtung des Lagers abfeuerte. Wie immer hieß es: Schüsse von wo auch immer = ALAAAAARM!!! Also stürzte brav alles in die zugewiesenen Alarmstellungen während sich eine feixende Schar „Altgedienter“ wieder aus dem Staub machte. Ich glaube, die damaligen Vorgesetzten der Rekrutenkompanie zerbrechen sich über diesen Zwischenfall heute noch die Köpfe…

 

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Der Tod muss warten (Part I). Oder: Die verhinderte Wassermann-Karriere (1992)

Ich habe an dieser Stelle schon mehrfach die 1990er Jahre als mein persönliches „verlorenes Jahrzehnt“ bezeichnet. Die privaten und gesellschaftlichen Verwerfungen unmittelbar nach Wende und Wiedervereinigung hinterließen eine gewisse Rat- und Ziellosigkeit, aus der ich mich erst 1992 zu befreien begann. Nachdem klar schien, dass mit dem alten Beruf nach dem Zusammenbruch des alten Ausbildungsbetriebs augenscheinlich kein Blumentopf mehr zu gewinnen war, musste ich mich wohl oder übel neu orientieren, ohne genau zu wissen, wohin denn die Reise nun eigentlich hingehen sollte. Im April kam mir dann der Zufall zu Hilfe, indem ich eine Zeitungsannonce entdeckte, die Ausbildungsangebote des Bundesgrenzschutzes enthielten. Das klang neu, das klang interessant und herausfordernd. Ich bewarb mich kurzentschlossen und erhielt kurz darauf eine Einladung zu einem mehrtägigen Eignungstest nach Ahrensfelde bei Berlin. Ich enterte nach meiner Zuganreise am späten Nachmittag das große kasernenartige Gelände und wurde neben ein paar anderen Bewerbern in Mehrpersonenzimmern untergebracht, da die eigentliche Prozedur erst am nächsten Tag beginnen würde. Dabei fiel auf, dass ich mit meinen Anfang 20 noch einer der Jüngeren war, hier schienen vielmehr einige Verzweifelte jenseits der 30 oder gar 40 auf einen neuen Job zu hoffen.

Der nächste Tag bestand zunächst aus einem großangelegten Gesundheits- und Sportcheck. Man strampelte also Ewigkeiten verkabelt auf Fahrradergometern herum, ackerte im Dauerlauf über die Aschenbahn des Sportbereichs, ließ sich die Sehstärke vermessen und hoffte auf ein baldiges Ende der Prozedur. Man bekam zwischendurch noch irgend etwas Schriftliches zum Ausfüllen vorgesetzt, ob es sich dabei um eine Art Wissensteste handelte, habe ich nicht mehr im Gedächtnis. Ich schien ganz gut durch die Mindestanforderungen gekommen zu sein und wartete am folgenden Tag nun auf mein eigentliches Personalgespräch.

Gleich drei Herren mit allerlei Sternchen auf den Schulterstücken empfingen mich in einem ungemütlichen Schulungsraum, blätterten während des Gesprächs fortwährend in irgendwelchen Akten und kamen dann endlich zu Sache. Was sie mir allerdings anzubieten hatten, ließ meine naiv-jugendlichen Illusionen von Jagd nach bösen Buben an der Grenze oder technischem Dienst wie bunt schillernde Seifenblasen zerplatzen. Nach Ansicht des Gremiums schien ich mich besonders als Personal eines Wasserwerfers zu eignen. Ich muss wohl ziemlich entgeistert dreingeblickt haben und wies auf mein Abitur und meinen erlernten Elektronikerberuf hin. Ich erntete nur bedauerndes Schulterzucken und das nochmalige Angebot nach entsprechender Ausbildung Verwendung als Demonstanteneinweicher zu finden. Mir fielen die am Morgen im Speisesaal gesichteten ziemlich lädiert aussehenden Beamten ein, die nach eigener Aussage in der vorangegangenen Nacht Einsatz beim Ersten Mai in Kreuzberg gehabt hatten und lehnte ab. Das war nicht meine Welt, danke, auf Wiedersehen.

Ziemlich desillusioniert begab ich mich auf den Heimweg nach Sachsen. Netterweise hatte ich mich einer der Mitbewerber eingeladen, mich per Auto bis Dresden mitzunehmen. Wir bretterten also in seinem Uralt-Lada über die damals noch äußerst bucklige Betonplattenpiste der A 13 und überholten gerade einen LKW, als es einen lauten Knall gab und das Auto wie verrückt zu schlingern begann. Der gerade passierte Laster zwängte sich in voller Fahrt irgendwie noch an uns vorbei, bis wir nach einer quietschenden irgendwie geglückten Rutschpartie am rechten Rand wiederfanden. Zwei schlotternde Gestalten stiegen aus und starrten auf den geplatzten Reifen. Hätte ich damals geahnt, dass dies nur der Auftakt zu einer ganzen Serie von potentiell lebensverkürzenden Ereignissen in den folgenden Jahren sein würde, hätte ich wohl die mir an jenem Nachmittag angebotene Beruhigungszigarette nicht abgelehnt.

Ich habe nie bereut, damals abgelehnt zu haben. Drei Monate später begann ich meine Hotelfachmann-Ausbildung, ohne die Geschichten wie diese oder diese nie geschehen wären.

 

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Überforderte Radiomoderatoren. Oder: Eine Liebeserklärung (1984)

Nach meiner persönlichen Wahrnehmung hatten besonders drei Bands in der DDR der 1980er Jahre eine überdurchschnittliche Anhängerschaft: Die Ärzte, The Cure und Depeche Mode. Allen dreien fühle ich mich auch heute noch sehr verbunden, eine sehr besondere Beziehung pflege ich jedoch zu einer anderen Band der Dekade: Talk Talk. Das 1990 erschiene Best of-Album „Natural History“, als erstes Dokument des aufkommenden Ausschlachtens deren Œuvres seitens der EMI (als Label-Racheakt gegenüber dem von Michael Schuh sehr treffend als „kommerziellen Selbstmord“ betitelten radikalen Stilwechsel ab 1988) war ein der ersten CDs, die ich mir nach Einführung der D-Mark in der DDR im Sommer 1990 kaufte. Nach und nach kamen dann alle Alben, B-Seiten- und Raritätenkopplungen in die Sammlung, auch der Videomittschnitt des 1986er Montreux-Konzerts und das einzige Mark Hollis-Soloalbum durfte nicht fehlen.

Nachdem ich in den 1990ern nach der Auflösung der Band etwas die Fühlung zu deren Musik verloren hatte, drängte sich die alte Liebe mit aller Macht im Jahr 1999 wieder in mein Leben. Durch einen Zufall entdeckte ich beim Einkaufsbummel in der Nachbarstadt das sozusagen posthum veröffentlichte  Livealbum „London 1998“, alleine der auf der Hülle pappende Aufkleber mit dem aus der Rolling Stone-Kritik stammenden Zitat „Nur Gott mag wissen, aus welchen Archiven der Psychedelik dieses Wunderwerk an Erdenferne geborgen wurde“ versprach Großes. Ich legte die CD zu Beginn meiner Rückfahrt ein und war knapp 8 Minuten später fix und fertig. Ich hab selten einen so schwer ans Gemüt gehenden Konzert-Opener wie „Tomorrow Started“ erlebt. Der Text und dazu Hollis‘ Klagegesang – ein trüber Herbsttag in musikalischer Form.

 

Außergewöhnliches rund um Talk Talk erlebte ich allerdings schon 15 Jahre früher. Im Nachklapp des 1984 erschienenen „It’s My Life“-Albums samt seines Titelstück-Hits und dem heute noch im Formatradio totgedudelten Nachfolgers „Such A Shame“ brach auch in der DDR eine (schnell wieder abebbende) Fan-Hysterie aus, worunter vor allem das staatliche Jugendradio DT64 zu leiden hatte. Ich saß also wie immer mit dem Kassettenrecorder bewaffnet bis in die Abendstunden vor dem Radio und schnitt die dankenswerterweise völlig ausgespielten Songs mit, da solche Dinge wie Urheberrechte im Osten zu dieser Zeit keinen Radioverantwortlichen interessierten. An jenen Tag aber bombardierten wohl völlig außer Rand und Band geratene Jugendliche die Radioredaktion mit dem immer gleichen Bandwunsch, was schlussendlich zur stückweisen Komplettsendung des gesamten Albums sowie eines verzweifelten Hilferufs des Moderators führte, der mir heute noch im Ohr klingt:

„Liebe Leute, bitte, bitte nix mehr von Talk Talk wünschen – wir haben wirklich nichts mehr!!!“

Und so verbinde ich das das Album beschließende „It’s You“ auf ewig mit einer bis heute andauernden musikalischen Liebe.

 

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Zuviel Wissen schadet nur. Oder: Der Fischfutterkandidat (2004)

Glücklicherweise hatten die Angetraute und ich die Möglichkeit, uns ein wenig die Welt anzusehen, bevor das Eintreffen des großen Kindersegens den Aktionsradius spürbar einengte. So führte der Weg anno 2004 nach Sri Lanka und auf die Malediven. Unser in gerade einmal 10 Minuten zu umrundendes Winz-Eiland bot in seiner umgebenden Lagune so Einiges an beflosstem Anschauungsmaterial und so verbrachte ich mit Schnorchel, Brille, Flossen und Kamera bewaffnet mehr Zeit im Wasser als außerhalb desselben.

Ich freute mich immer wie Bolle, wenn mir wieder etwas bisher Ungesichtetes vor die Linse kam. Zwar war es nicht immer einfach, bewegliche Ziele „abzuschießen“, so dass sich gerne auch mal nur noch eine Schwanzflosse auf dem entsprechenden Bild befand, aber nachdem man endlich auf die digitale Fotografie umgestiegen war, löschte man den ganzen Ausschuss einfach.

Im Nachhinein erstaunlich, wie sorglos man dabei mit potentiellen Gefahrenherden umging. Ob giftig

pieksig

…oder gut bezahnt

…immer rein ins Wasser und hinterher!

Daher war es auch selbstverständlich, dass ich eines schönen Tages beim Wahrnehmen eines bemerkenswert großen Schattens im Wasser flugs meinen Krempel zusammenraffte und mich in die knapp 30 Grad warmen Fluten stürzte. Es dauerte auch gar nicht lange, bis ich das Trumm von Fisch vor der Linse hatte.

Das Viech schnurpelte an den Korallen herum, was im Wasser einen erheblichen Geräuschpegel verursachte. Ich schwamm noch ein wenig näher heran, um mir das alles ganz geruhsam aus der Nähe anzusehen und zog nach einer Weile zufrieden mit meiner Fotosausbeute von dannen.

Wieder zu Hause in Deutschland angekommen, setzte ich mir in den Kopf, alle abgeschossenen Fischarten zu bestimmen und nutzte dazu in Zeiten, in der sich die Wikipedia noch äußerst übersichtlich darstellte, die Datenbank FishBase. Dann also mal los…Papageifische hier, Doktorfische da, die Seite war extrem hilfreich, Ordnung in das bunte Gewimmel zu bringen. Als ich dann aber auf mein Wuchtbrummen-Exemplar stieß, das sich als Riesen-Drückerfisch herausstellte, rutschte mir nach der Lektüre dort und in diversen Taucher- und Malediven-Foren nachträglich doch noch etwas das Herz in die Hose. Denn dem Kollegen – vor allem in der Brutsaison – kommt man besser nicht zu nahe, selbst wenn es sich um ein vergleichsweise kleines Exemplar handelt:

Schluck!

 
 

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Kaufrausch á la Sozialismus (Part II). Oder: Test the West! (1988)

Neben dem für Normalsterbliche praktisch unerreichbaren Jugoslawien galt vor allem Ungarn als ideales Reiseziel für denjenigen Ostbürger, der einmal an der bunten Warenwelt des Kapitalismus schnuppern wollte. Dies war auch der Grund, warum ich in meinen letzten Sommerferien vor Beginn meiner Lehrzeit entgegen meinen ursprünglichen Plänen gerne noch einmal mit meinen Eltern in den Urlaub fuhr. Wie in der DDR üblich, war eine Auslandsreise nicht ganz einfach zu ergattern, für Ungarn galt immerhin Visumszwang und Höchstumtausch. Irgendwie hatte es aber die Firma, bei der mein Vater damals beschäftigt war geschafft, ein paar Plätze „zu besorgen“. Das Reiseziel, eine Waldsiedlung, befand sich nicht im touristischen Zentrum des Landes am Balaton sondern weiter südlich am Ufer der Theiß, grenznah zu Jugoslawien und Rumänien.

Bereits beim ersten Besuch im gleich nebenan gelegenen Städtchen mit dem schmissigen Namen Hódmezővásárhely kam das Ossikind ohne Westverwandtschaft nicht aus dem Staunen heraus. Stand doch dort eine leibhaftige Platte der Pet Shop Boys im Schaufenster. Haben wollen! Mein Vater rechnete mir netterweise erst einmal den Preis der LP in DDR-Mark um, ehe er meinem Ansinnen eine Abfuhr erteilte. Gleichzeitig erhielt ich noch gratis einen Vortrag über die Beschränkung des Reisebudgets, das sich dank eines erst im Januar 1988 verabschiedeten Regelung äußerst bescheiden ausnahm.

Daher geriet man schon ins Grübeln und einen permanenten Rechenprozess, der noch schlimmer wurde, als man die Gebietshauptstadt Szeged besuchte. Coke gefällig? Oder doch lieber Pepsi? Irgendwas von Schwarzkopf? Rechnen, rechnen, rechnen und immer wieder festzustellen, dass sich die Preise für einen Bundesbüger oder Österreicher wahrscheinlich im Taschengeldbereich bewegten, uns aber vor unüberwindliche Hürden stellten, mutierte immer mehr zur Frustübung.

Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob mein alter Herr irgendwo noch schwarz getauscht hat oder wir so extrem sparsam gelebt haben – auf jeden Fall war wohl genug Geld übrig, um mich kurz vor der Heimreise einmal komplett einzukleiden. Jeanshose und -jacke (ganz der Zeit verpflichtet in der heute nur noch absurd anmutenden Snow washed-Optik), zwei T-Shirts mit ein wenig Englisch-Sprech auf der Brust sowie ein Paar Basketball-Treter, im Land von „Rollbrettern“ (Skateboards) und „Körperkulturistik“ (Bodybuilding) auch „Knöchelturnschuhe“ genannt. Insgesamt verschlang das umgerechnet sehr hohen dreistelligen DDR-Mark-Betrag, der in etwa dem damaligen Monatslohn meines Vaters entsprochen haben dürfte. Wohlgemerkt nicht für irgendwelche Markenprodukte sondern für Textilien in Wochenmarkt-Schundqualität. Aber: Immer noch besser als die gähnende Leere der DDR-Klamottenläden!

Um ein Haar hätte uns der Kaufrausch noch stranden lassen. Das Familienoberhaupt verschätzte sich gründlich bei der Kalkulation des Benzinbedarfs der knapp 1000 Kilometer langen Rückreise, so dass wir in tschechischen Gefilden auf die letzte Münze genau tankten und mit Ach und Krach die Heimat erreichten.

 

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Etwas mehr Tiefgang bitte! Oder: USS Heavyweight (2003)

Die Liebe geht bekanntlich so ihre eigenen Wege. Da gibt es Paare, die der Maxime „Arsch auf Eimer“ zu folgen scheinen und solche, deren Zusammenstellung sich dem Außenstehenden nicht sofort erschließt. Gegensätze ziehen sich eben anscheinend an, um einmal die DDR-Schlagertante Ina-Maria Federowski zu zitieren.

Ein solch außergewöhnliches Duo bekam ich anno 2003 an der mexikanischen Atlantikküste zu sehen. Die Göttergattin und ich hatten eine einwöchige Yucatán-Rundreise auf den Spuren der Mayakultur hinter uns und ließen dem doch recht anstrengenden 1200-Kilometer-Trip durch Mexiko, Belize und Guatemala noch eine Woche Strandfaulenzen im IBEROSTAR Tucán-Ressort folgen. Wie in solchen Strandhotels üblich bot man dem überwiegend US-amerikanischen Publikum zahlreiche Wassersportmöglichkeiten an. Ein Lernwilliger versuchte beispielsweise eine geschlagenen halbe Stunde lang auf einem Surfbrett zu stehen und plumpste doch spätestens beim Versuch, das Segel aufzurichten immer wieder hinein. Respekt für diese Geduld, er gab allerdings erst auf, als unmittelbar neben ihm ein anderer ein Brett ins Wasser setzte, aufstieg, das Segel schnappte und locker lächelnd in Richtung Cozumel hinausfuhr. Übung FTW!

Wer es doch etwas PS-lastiger haben wollte, lieh sich Jet-Skis aus und tuckerte je nach Mut mehr oder weniger schnell auf einer gekennzeichneten und parallel zum Strand verlaufenden Strecke durchs Wasser. Lümmelte man auf seiner Strandliege herum, konnte man also die mehr oder weniger gelungenen Fahrversuche verfolgen.

Nun kommt also unser Pärchen ins Spiel. Sie: Das pure Klischee eines US-Fastfood-Junkies. Er: Spindeldürr, offensichtlich beim Kampf um den Kühlschrankinhalt hoffnungslos unterlegen. Diese Mischung um die 50 lieh sich nun also zwei der motorisierten Gefährte aus und gab nach kurzer Eingewöhnungsphase hörbar Gas. Nebeneinander bretterten sie den Strand entlang, doch was für ein Bild: Während er über jede der an diesem Tag etwas höheren Wellen im hohen Bogen hopste, pflügte sie, einem Panzerkreuzer gleich, ungerührt durchs Wasser. Don’t tread on me!

 

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Wir. Dienen. Deutschland. (Part V) Heute: Der Spanner (1995)

Ich durfte mich in den letzten Wochen hauptsächlich des wissenschaftlichen Schreibens befleißigen, von daher wurde an dieser Stelle eine kleine Kunstpause eingelegt. Aber nun wieder hinein ins Vergnügen!

Eine der dankenswertesten Entscheidungen des Kompaniefeldwebels meiner Grundausbildungs-Kompanie war meine Einteilung zum Militärkraftfahrer-Lehrgang, der praktischerweise gleich innerhalb meiner Regensburger Kaserne abgehalten wurde. Zwar wurmte es mich zunächst ungemein, nicht für eine der begehrten LKW-Lizenzen vorgesehen zu sein, sondern mich mit der Variante für PKW begnügen zu müssen. Statt also für lau den Führerschein für die großen Böcke machen zu können, sollte ich also etwas erwerben, das ich privat schon längst besaß. Schlimmer noch – rasselte ich bei der Bundeswehr gründlich und mehrfach durch die Fahrschule, drohte mir auch noch der Entzug meines zivilen Scheins. Tolle Aussichten, das!

Schlußendlich bestand ich alles mit etwas Mühe. Wer schon jahrelang seinen Fahrstil eingeschliffen hat, sollte sich mal wieder unter Fahrschulbedingungen ans Steuer setzen, wird bestimmt sehr spaßig… Ich wusste nun nicht, zu was mir die Berechtigung für PKW, Wolf, Iltis und T3 eigentlich nütze sein sollte. Bis Wochen später die erste Wacheinteilung ins Haus flatterte. Denn statt des ungeliebten Torposten-Jobs warteten auf mich 24 Stunden als persönlicher Fahrer des sogenannten OvWA. Das hieß im Klartext dreimal am Tag „Essen auf Rädern“ zu spielen und die Wachmannschaft der als Regimentsstab dienenden und ansonsten leerstehenden Bajuwarenkaserne mit Verpflegung zu beliefern, ganz der Devise „ohne Mampf kein Kampf“ verpflichtet.

Nach Einbruch der Dunkelheit wurde irgendwann eine große Patrouillenrunde mit dem OvWa zur Kontrolle diverser Wachteams fällig. Einerseits war das etwa 25 Kilometer von Regensburg entfernte Munitionsdepot Schierling anzufahren, dessen Bewachung auch in die Zuständigkeit meiner Einheit fiel. Auf der Rückfahrt machte man noch in der Bajuwarenkaserne Halt und fuhr dann wieder zurück, wo bis zur nächsten Runde das Bett und stundenlanges Dösen in meinem stillen Wachkämmerlein auf mich warteten. Alles in allem ein äußerst geruhsamer Job.

Nun hatte man es bei seinem Wachvorgesetzten gelegentlich mit den gleichen Gestalten zu tun. Einer von ihnen besaß auf unserer großen nächtlichen Tour die Marotte, die Bajuwarenkaserne nicht auf dem direkten Wege, sondern „hintenrum“ über Schleichwege in der Nähe des Güterbahnhofs anfahren zu lassen und dabei auf langsames Tempo zu bestehen. Der Grund wurde mir schon beim ersten Mal blitzartig klar. Wir passierten einerseits ein gewisses Gebäude mit einer gewissen Rotbeleuchtung und bogen gleich darauf in die offensichtlich als Autostrich genutzte Nebenstraße ab. Na da schau her…

Mittlerweile hat sich in der Gegend viel getan. Das Regensburger Kasernenviertel ist größtenteils aufgegeben und umgestaltet worden und auch die Geschäfte im Gewerbe scheinen nicht mehr zu laufen, Google Earth hält für die Guerickestraße jedenfalls nur noch das Foto eines offensichtlich aufgegebenen und mit dem launigen Tag „ehem. Außenstelle für angewandte Hormonspiegelregulierungen“ gekennzeichneten Gebäudes bereit.

Bei der Recherche fiel mir ein Clip mit Aufnahmen meiner verlassenen Nibelungenkaserne vor die Füße. Zu sehen sind u.a. die Haupteinfahrt mit Schranke (0.07 min), der Aufgang zum Speisesaal (0.18min), die große Vereidigungswiese (0.25min), mein ehemaliges Kompaniegebäude rechts (0.29min) sowie Wachlokal links und Stabskompaniegebäude Mitte (1.23min). Unter dem Dach bei 1.28min, an der Rückseite des Wachgebäudes gelegen, standen damals einige Telefonzellen, vor denen sich allabendlich lange Schlangen bildeten. Die Wartenden konnten recht ungemütlich werden, sollte einer arg zu lang mit seiner Liebsten zu Hause kommunizieren. Auch aus meiner Tasche floss so manche Mark ins Telefon. Meine damalige Freundin in Dresden bestand auf regelmäßigen Anrufen und Ferngespräche waren zu jener Zeit, als Handys und Deregulierung des Telekommunikationsmarkts noch Zukunftsmusik waren, ein recht kostspieliges Vergnügen…

 

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Generation Improvisation. Oder: The Next Saxonian Idol (1987)

Es gibt Momente, in denen verschiedene Dinge, die auf den ersten Blick rein gar nichts miteinander zu tun haben, mittels Assoziation verschüttete Erinnerungen wieder freilegen. Im vorliegenden Fall handelte es sich um eine aktuelle Buchbewerbung und die privaten Geschäftstätigkeiten der Göttergattin. Aber hübsch der Reihe nach.

Für das äußerst empfehlenswerte Depeche Mode-Kompendium „Monument“ absolviert Autor Sascha Lange derzeit einen echten Promo-Marathon. Da mich das Thema erklärtermaßen interessiert, bekam ich also so allerlei Interviews im Print-, TV- und Radiobereich mit und stieß immer wieder auf die Aussage, dass sich Depeche Mode Fans in der DDR mit allerlei Improvisationstalent ein ihren Idolen ähnelndes Outfit zusammenbastelten. Nicht ganz einfach, wenn man sich der ausgefallenen Mode-Vorlieben Martin Gores Mitte der 80er erinnert und daher äußerst amüsant zu hören, dass auf links gedrehtes Koppelzeug der DDR-Volkspolizei ein durchaus vorzeigbares Fetish-Ensemble abgab. So weit, so schräg.

Endgültig zu diesem Artikel wurde ich nun inspiriert, als ich der Dame des Hauses beim Verpacken einiger Privatverkäufe zusah, die per Warensendung auf die reise gehen sollten. Ganz der Vorschrift entsprechend, dübelte sie also den Umschlag mittels Musterklammern (ich gebe zu, mich über die genau Bezeichnung dieser Teile auch erst mal schlau gemacht zu haben) zusammen und nun musste ich nur noch eins zum anderen zählen, um folgende Erinnerung auszugraben:

Musikvideos brachten mich früher nicht selten dazu, darin getragene Klamotten als auch für mich geeignet zu befinden und mich auf die Suche nach etwas Vergleichbarem zu machen. Ein besonders eklatantes Beispiel hierfür ist der Clip zu „Shattered Dreams“ von Johnny Hates Jazz. Jedem, der mich zu meinen Pistenzeiten gekannt hat, wird wohl die zu sehende Hosenträgerkombination arg vertraut vorkommen.

Richtig in Bastelei artete es allerdings aus, als sich der Jungspund in den Kopf gesetzt hatte, einem gewissen Herrn Idol nacheifern zu wollen. Der war wild, der war cool, ja, so wollte ich auch sein! An ein komplettes Lederoutfit war selbstverständlich nicht zu denken, aber solche Handschuhe sollten doch drin sein!

Ich plünderte also die Lederhandschuhbestände meines Vaters, schnippelte die Finger ab und entdeckte in einer Schublade etwas, das ich damals für Nieten hielt. Die ließen sich mit etwas Mühe durch das Material pieksen und mittels der biegsamen Füße auch prima befestigen – fertig war der harte Kerl. Man kann nicht behaupten, dass sich das sonderlich angenehm trug, aber selbstverständlich fühlte ich mich großartig. Nur diese Schnute wollte mir ums Verrecken nicht gelingen…

 

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Kaufrausch á la Sozialismus (Part I). Oder: Krtek ve městě* (1982)

* tschechisch: Der kleine Maulwurf in der Stadt

Zu den DDR-Eigenheiten der schulfreien Zeit gehörten die Betriebsferienlager, in die man über die Arbeitsstellen der Eltern gelangte. Gehörten deren Firmen einem der Kombinate an, kam es vor, dass man durch Platzkontingenttausch auch einmal ins Ausland verschlagen wurde. Meine erste Erfahrungen mit dieser „Kinderlandverschickung á la DDR“ datiert auf den Sommer 1982, in dem es mich als 10jährigen in die beschauliche Osterzgebirgsgemeinde Schellerhau verschlug. Das Programm war das damalig Übliche: Neptunfest, Nachtwanderung, Planschereien am und im nahegelegenen Pöbelbach und erste Gefühlsaufwallungen gegenüber der mitgereisten Weiblichkeit.

Die Grenze zur damaligen ČSSR war nur etwa 8 Kilometer entfernt, so lag es nahe, die gesamte Bande eines verregneten Tages in den Bus zu setzen und nach Teplice, die nächste Stadt auf tschechischem Gebiet zu verfrachten. Ich kann mich nur noch dunkel an eine ziemlich heruntergekommene realsozialistische Betonwüste erinnern, die man, schenkt man aktuellen Bildern Glauben, mittlerweile wieder zu einem ansehnlichem Kurort herausgeputzt hat.

Immerhin ließ man uns mitsamt unserem zuvor am Grenzübergang in tschechoslowakische Kronen gewechseltem Taschengeld alleine die Innenstadt erkunden. Mein Weg führte mich aus mir heute nicht mehr bekannten Gründen in einen Schreibwarenladen, in dem es mir ein riesiger Ständer mit Fotopostkarten angetan hatte. Neben dem üblichen Ansichtskartengedöns gab es vor allem zwei Motive, die in mir den willenlosen Konsumenten weckten: Mehrere Karten mit imposanten Raubtierfotos und die mit dem – kleinen Maulwurf. Ich höre Gelächter? Hallo? Ich war 10!

Ich zählte also meine Barschaft, studierte den auf den Objekten der Begierde aufgedruckten Preis und hatte ohne das so zu durchblicken, per Dreisatz meine Möglichkeiten abgesteckt. Mit mindestens 20 Stück im Gepäck verließ ich also den Laden und war glücklich.

Diese Karten sind mindestens bis zur Wendezeit in meinem Besitz verblieben, wo sie schlussendlich landeten, hab ich allerdings vergessen. Schade eigentlich…

 

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Grabscher, Hopser, Überschläger. Oder: Bruce Lee kam nur bis Radeberg (1988)

Bis auf den Biologieunterricht beinhaltete meine Berufsausbildung mit Abitur das normale DDR-Schulprogramm, mit all seinen Fachexoten. Russisch und Staatsbürgerkunde waren traditionell unbeliebt, Sport hingegen wurde als gern genommene Abwechslung zum schnöden Bankdrücken wahrgenommen. Praktischerweise besaß die Berufsschule eine große Sporthalle mit entsprechendem Außengelände, das wir auch außerhalb unserer Schulzeiten nutzten.

So fand sich also im September 1988 ein zusammengewürfelter Haufen aus allen möglichen Ecken der südlichen DDR zusammen, der die kommenden drei Jahre, mit all seinen historischen Wirren zusammen durchstehen sollte. Unser Klassenlehrer gab sowohl Mathematik als auch Sport, wobei gerade unsere Damen von älteren Semestern vor seinen beliebten, allzu „hilfreichen“ Unterstützungsgriffen gewarnt wurden. Nicht zuletzt hatte er sogar eine seiner ehemaligen Schülerinnen geehelicht und genoss anscheinend sein Filou-Image. Trotzdem hatte er für den Sportunterricht immer neue Ideen, was einen eines Tages sogar befähigte, statt piefigem Bocksprung per Überschlag über das Gerät zu gehen.

Manchmal hatten die ausgeführten Übungen auch geradezu langfristige Auswirkungen. Gleich die erste Sportstunde beinhaltete ein paar Sprungeinheiten über aufgestellte Hürden. Einer ging derartig engagiert zu Werke, dass er die folgenden drei Jahre den umgehend verpassten Spitznamen Edwin nicht mehr los wurde, selbst in der Abschlusszeitung ist er unter diesem Namen vermerkt.

Sehr schräg gestaltete sich eine dem Hochsprung gewidmete Unterrichtsstunde. Es stellte sich heraus, dass Teile der Klasse Erfahrungen im Flop-Stil besaßen, während die anderen (so auch ich, der Doper) noch per klassischem Straddle unterwegs waren. Je nach Sprungbein und -stil bildeten sich also links und rechts der Hochsprungmatte zwei Gruppen. Bis auf einen, der sich genau in der Mitte postierte. WTF…

Wir sprangen also abwechselnd von links und rechts mit wechselndem Erfolg. Der Einzelkämpfer wartete geduldig, bis alle durch waren, was freilich die Neugier aller anderen auf das Äußerste steigerte. Jetzt aber! Ein kurzes Zucken, ein frontaler Anlauf in Richtung der Latte, ein an beste Knochenbrecher-Filme erinnernder Sprung mit nach vorn gestreckten Beinen – drüber! Gut, der anschließende recht unsanfte Einschlag an der dahinterliegenden Wand war noch verbesserungsfähig, aber sonst? Mit dieser unorthodoxen Technik erreichte das nicht eben mit enormer Körpergröße gesegnete Sprungtalent erstaunliche Höhen. Dies ist deswegen besonders bemerkenswert, da in der DDR Kampfsportarten mit Ausnahme von Judo, Boxen und Ringen gar nicht offiziell zugelassen waren. Zum einen, weil es darin nicht die zur Eigenlegitimation begehrten Olympiamedaillen zu gewinnen gab und andererseits die Bürger gar nicht erst auf dumme Gedanken der Selbstverteidigung kommen sollten. Von daher: Erstaunlich. 気合!!!

 

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